Lebe lieber ungewöhnlich

Autor: Magna cum MG 

Auf dem Gelände des alten Bökelberg-Stadions, über den ehemaligen Lauf des Gladbachs oder auf dem Dach eines Supermarkts - den Wohnformen der Zukunft sind offenbar keine Grenzen gesetzt.

Die Lürriper Straße gehört nicht gerade zu den bevorzugten Wohngegenden. Viel Industrie, ausrangierte Hallen und Rotlicht-Milieu bestimmen das Bild. Aber wenn es nach Joachim Bücker geht, Geschäftsführer der Baugesellschaft Jessen, sieht das ehemalige Reme-Gelände abseits der Ventilator-Fabrik Pollrich bald ganz anders aus.

Auf 66000 Quadratmetern soll ein ansprechendes Wohnviertel mit viel Grün entstehen. Neun Mehrfamilien-, 20 Einfamilien-Häuser und rund 22 Doppelhaushälften will Jessen errichten. Der einst durch das Gelände fließende Gladbach soll „revitalisiert“ werden und könnte irgendwann durch die Gärten der Häuser rinnen. Brach liegende Industriehallen sollen für Gastronomie oder Galerien umgestaltet werden. „Wir wollen eine Architektenwerkstatt einrichten“, sagt Bücker. Knapp vier Jahre hat er mit den Eigentümern verhandelt, bevor er das Grundstück kaufte. Für Bücker symbolisiert das Projekt die Zukunft des Wohnens in Mönchengladbach. „Innenstadtnah muss es sein und eine gute Infrastruktur bieten“, sagt er. Der Düsseldorfer Stadtplaner Gregor Bonin, wohnhaft in Mönchengladbach, sieht das ähnlich: „Die Innenstädte erleben eine Renaissance. Aus der Stadtflucht wird eine Landflucht.“
Modern und city-nah muss es sein

Folge: Es gibt kaum eine Fläche, die nicht für modernes, city-nahes Wohnen umgebaut werden könnte. Am Bökelberg verkauft die Entwicklungsgesellschaft exklusive Grundstücke, wo einst die Fußballer der Borussia kickten. 60 Objekte sind noch zu haben. Preise: von 350Euro bis 400 Euro pro Quadratmeter. Jessen geht noch kuriosere Wege. Auf dem Dach eines Discounters in Rheydt hat das Unternehmen schicke Lofts bauen lassen. „Die Vermietung läuft bestens“, sagt Bücker. Auch hier gilt: Hauptsache nahe am Zentrum. „Die Reduzierung der Pendlerpauschale verstärkt die Entwicklung noch“, glaubt der Gladbacher Projektentwickler Norbert Bienen. Den Mega-Trend der Zukunft bestimmt indes die Demografie. Mehrgenerationen-Häuser, Senioren-WG und Service-Wohnungen für Ältere entstehen an jeder Ecke. Beispiel Bunter Garten: Hier hat die Firma Bienen&Partner seniorengerechte „Stadtvillen“ bauen lassen, in denen die Bewohner selbstständig leben und doch per Knopfdruck mit einem Dienstleistungsangebot verbunden sind. Ob Hausmeister-Service oder Gartenpflege - über 20 Dienstleistungen bietet die Caritas. Monatsgebühr: 15 Euro. Bezahlt wird zusätzlich nur das, was in Anspruch genommen wird. Ähnliches entwickelt die Baugesellschaft Jessen an der Willy-Beines-Straße. 40 Wohnungen für Ältere entstehen. Die Arbeiterwohlfahrt übernimmt den Service. „Selbstständig, sicher und geborgen wohnen“, nennt Bücker das Konzept. Alleine leben und doch die Vorteile des Rund-um-die-Uhr-Service eines Altenheims. Und wer sich einsam fühlt, geht ins AWO-Café - zum Quatschen.

Quelle: Rheinische Post vom 21. April 2007


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