Der Maschinenbauer Schorch feiert in diesen Tagen sein 125-jähriges Bestehen. Rolf Blasberg, dienstältester Mitarbeiter der Firma, blickt auf Erfolge und brenzlige Situationen zurück.
Rolf Blasberg schlägt vorsichtig das Fotoalbum auf, blättert die Seiten langsam um und lächelt. Illustrierte Erinnerungen aus dem Oman, aus Spanien, aus Südamerika und Russland. Hier ein Sonnenuntergang in Badehose, dort ein Ausritt auf einem Kamel. Und zwischendurch mal wieder ein Antriebsmotor in Großaufnahme.
Wenn der 65-jährige Maschinenbauer eine Bilderbuch-Reise in die Vergangenheit unternimmt, ist sein Arbeitgeber stets mit dabei. Als Außendienstler des Maschinenbauers Schorch folgte Blasberg viele Jahre den Motoren aus Rheydt bis an jeden Einsatzort der Welt - von Ecuador bis Sibirien. „Außer Australien habe ich alle Kontinente gesehen“, erzählt er. 51 Dienstjahre hat der Rheydter auf dem Buckel, so viele wie kein anderer der 550 Mitarbeiter. In diesem Jahr, wenn sein Arbeitgeber das 125-jährige Firmenbestehen feiert, geht Blasberg in Rente. „Ich habe alle Höhen und Tiefen von Schorch hautnah erlebt, aber ich gehe zu einem Zeitpunkt, in dem die Firma wieder obenauf ist“, sagt er.
Als Blasberg 1956 als 14-jähriger Lehrlingsanwärter voller Demut in der Empfangshalle der Firma steht, ist die Schorch-Werke AG das Nonplusultra. 3600 Mitarbeiter arbeiten an der Breite Straße. Mit Trützschler ist Schorch gefragter Arbeitgeber für junge Leute mit Techniksinn. „Unser Ausbildungsleiter sagte uns schon im ersten Gespräch, dass wir bei einem führenden Unternehmen am Niederrhein arbeiten, und uns so verhalten sollten“, erinnert sich Blasberg. Was folgte, waren allerdings Jahrzehnte des Wechsels. 14 Geschäftsführer hat Blasberg erlebt. 1959 wurde Schorch mit anderen Elektrounternehmen zusammengefasst, Siemens stieg ein und wieder aus. 1990 übernahm AEG den Motorenbauer, später wurde die Transformatoren-Sparte von den Maschinen getrennt und verkauft. Mit dem Einstieg des Investors Elexis 1996 begann die „schlimmste Zeit für den Betrieb“, erinnert sich Blasberg. Entlassungen und finanzielle Probleme sind Dauerthema in den riesigen Werks-hallen. Als Elexis 2001 Schorch an die chinesische Lindeteves-Jacoberg verkauft, steht das Unternehmen vor dem Aus. Die neuen Eigentümer ziehen Millionen aus der Firma, für die Mitarbeiter zeigen sie wenig Interesse. „Das waren Räuber“, schimpft Blasberg. „Da haben wir jeden Tag gezittert, ob es weitergeht.“ Später steht Schorch kurz vor der Insolvenz, Gehälter können nur verzögert bezahlt werden. Erst als 2006 der österreichische Konzern A-Tec die Mehrheit und das Land NRW eine Bürgschaft für einen 20-Millionen-Euro-Kredit übernehmen, atmet die auf 550 Mitarbeiter geschrumpfte Belegschaft auf. Blasberg steigt zwischenzeitlich zum Leiter der Montage auf und wechselt später in den Service. Er habe nie Angst um seinen Job gehabt, sagt er. „Ich hatte mich zum Glück in der Hierarchie ein wenig hochgekrabbelt.“ Der Stolz der Mitarbeiter habe das Überleben der Firma gesichert, glaubt Blasberg. „Wir sind eine selbstbewusste Truppe.“ Die Maschinen, schwärmt er, seien noch heute der „Mercedes unter den Elektromotoren“. Immer wenn Kunden den Mann mit dem Schnauzbart bei Montage-Besuchen auf mögliche Technik-Fehler hinweisen wollten, klopfte Blasberg erst das Umfeld ab. „An unseren Maschinen lag es meist nicht.“
Im Juni geht’s nun in Rente. Die Motoren werden ihm fehlen, sagt er. Immerhin: Einmal im Monat dürften sie noch Thema sein. Dann trifft Blasberg sich zum Kegeln mit den Kumpels - alles ehemalige Schorch-Mitarbeiter natürlich.
Quelle: Rheinische Post vom 23. Mai 2007
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