Studienzeit - die beste Zeit, um seine Heimat und seine Eltern hinter sich zu lassen, etwas Neues anzufangen, endlich auf eigenen Füßen zu stehen und endlose Partys zu feiern. Und keiner meckert, wenn man erst um sechs Uhr morgens nach Hause kommt. Das klingt doch verlockend, oder? „Nein“, sagt Touran Fassihifar. Die 19-Jährige bekommt ihr Abiturzeugnis ausgehändigt, doch danach zieht es sie nicht in die weite Welt. Sie bleibt in Mönchengladbach und beginnt im Oktober das Studium in Sozialer Arbeit an der Hochschule Niederrhein.
Den Studiengang gibt es zwar auch noch in Dortmund, Münster, Köln und Bielefeld, aber: „Ich fühle mich einfach noch nicht alt genug, um auszuziehen und meine Mutter würde mich auch gerne hier behalten“, sagt Touran lachend. Außerdem ist da natürlich der finanzielle Aspekt: „Es ist einfach verdammt teuer, auszuziehen, wenn dann noch die Studiengebühren dazu kommen“. Sie glaubt nicht, dass sie irgendetwas verpasst, wenn sie in der Heimat bleibt: „Die Uni in Gladbach gefällt mir und hat auch einen guten Ruf, was das Fach Soziale Arbeit betrifft“.
Kerstin Schiffer absolviert im Moment ein Praktikum in einem integrativen Kindergarten und möchte danach ebenfalls Soziale Arbeit studieren. Jetzt hofft sie, den gewünschten Studienplatz auch trotz ihres zu schlechten Notendurchschnitts zu bekommen, denn sie möchte ihre Freunde in der Stadt nicht verlieren. „Klar, irgendwann kommt die Zeit, wo man mehr Geld hat und dann auch irgendwo anders wohnen und arbeiten kann. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sag ich natürlich nicht nein, ich möchte schließlich nicht mit 30 noch zu Hause wohnen“, sagt sie. Die Hochschule in Gladbach findet sie „sehr familiär und gemütlich“.
Einen anderen Grund, hier zu bleiben, hat Kerstins Freundin Vanessa Hantke: Die 20-jährige Abiturientin möchte ihren Freund ungerne zurücklassen. „Ich würde auch nicht wegziehen, wenn ich Geld hätte“, betont sie. An ihrem Freund sieht sie auch wie „ätzend“ es ist, wenn man jeden Tag mit der Bahn pendelt: „Er studiert in Köln und fährt jeden Morgen mit der Bahn dorthin. Das will ich mir ersparen“. Auch sie möchte Soziale Arbeit studieren und später in einem Kinderheim oder einem Frauenhaus arbeiten. Anne Klück interessiert sich auch für ein Studium in Sozialer Arbeit, doch es muss in Gladbach sein. „Ich würde gerne ausziehen, aber ich kann es mir einfach nicht leisten“, sagt sie. Und was ist, wenn sie den Studienplatz hier nicht bekommt? „Dann muss ich eben ein Jahr warten und mir für die Zeit einen Job suchen.“
Quelle: Rheinische Post vom 16. Juni 2007
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