Schuften statt Schulden

Autor: Magna cum MG 

Studieren auf Pump - das schreckt viele Studenten der Hochschule Niederrhein ab. Nur etwa 23 Prozent nutzen günstige Studienkredite der NRW-Bank. Viele schultern lieber eine doppelte Last und arbeiten nebenbei.

Morgens Hörsaal, nachmittags Kundenbesuche, abends lernen: Die Tage von Christian Terhai sind straff durchorganisiert. Seit sechs Semestern studiert der 22-Jährige Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Niederrhein (HN). Gleichzeitig baut er sein eigenes Unternehmen für Anwendungsentwicklung und IT-Sicherheit auf. Mit dem Gewinn finanziert der Student Lebensunterhalt und die Studiengebühren. „Ein Studentenleben mit Party ist da nicht drin“, sagt Terhai. Und findet das gut so. Auf ein Ausbildungsdarlehen zur Finanzierung seines Studiums hat er verzichtet. „Später habe ich einen Kundenstamm, auf dem ich mein Geschäft aufbauen kann“, hat sich Terhai vorgenommen. Außerdem starte er seine Karriere als Vollzeit-Unternehmer lieber schuldenfrei.

Ein eigenes Unternehmen führen zwar die wenigsten der gut 10000 Studenten der HN nebenbei. Aber mit seinem Verzicht auf Darlehen ist Terhai durchaus repräsentativ. Im Schnitt nutzen nach Angaben der Hochschule nur etwa 23 Prozent der Studenten Studienkredite der NRW-Bank. Die Quote schwankt allerdings erheblich zwischen den einzelnen Fachbereichen. Die meisten Darlehensnehmer gibt es in den Fachrichtungen Textil und Sozialwesen (jeweils 31 Prozent), bei den Designern nutzen immerhin noch 27,5 Prozent die Kredite. Die niedrigste Quote ist mit 15 Prozent im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften zu finden.

Angesichts der Klagen vieler Studenten über hohen Leistungsdruck und den Zwang, neben dem Studium auch noch Geld verdienen zu müssen, kann Prorektor Professor Michael Lent die Kredit-Scheu der Studierenden schwer nachvollziehen: „Ich verstehe nicht, warum das nur so wenige tun und sich lieber zusätzliche Arbeitslast aufbürden, statt das Darlehen zurückzuzahlen, wenn sie nach dem Studium gut verdienen.“

Ein Modell, das Robert Kramer, Vorstandsmitglied des Studentenausschusses (AStA), nicht überzeugt: „Das ist ja noch die Frage, ob man wirklich nach dem Studium so schnell gut verdient.“ Und nach dem Studium stünden ja auch noch andere Projekte an, geben die AStA-Kollegen Rene Radermacher und Ulla Heinrich zu Bedenken: „Dann soll man eine Familie gründen. Aber das überlegt man sich doch zweimal. Denn auf der Grundlage von Schulden macht das keinen Spaß.“

Quelle: Rheinische Post vom 4. Juni 2008