Studieren - aber was? Viele Schulabgänger sind ratlos. Die Studiengänge werden immer spezifischer. Studienberaterinnen helfen durch den Dschungel der Angebote und zeigen auch Abbrechern Alternativen auf.
Ein Telefon klingelt in der Hochschule Niederrhein in diesen Tagen besonders oft: das von Kirsten Möller-Nengelken. Es geht in den Endspurt. Am 15. Juli ist Bewerbungsschluss fürs Wintersemester an den Universitäten. Wer über die Zentrale für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) seine Hochschule zugewiesen bekommt, der musste bis zum 30. Mai alles eingetütet haben. Und da ist der Rat der Studienberaterin oft gefragt: Welche Unterlagen sind noch wichtig? Wie war das mit den Abschlüssen - Bachelor oder Master?
Beratungen bietet Möller-Nengelken das ganze Jahr über an. An jedem ersten Donnerstag während des Semesters kommt Unterstützung. Dann verlegt Petra Jörres, Berufsberaterin für akademische Berufe, ihr Büro von der Arbeitsagentur an die Hochschule. Und wer zur Beratung angemeldet ist, kann mit den Fachfrauen auch mal eine ganze Stunde in die berufliche Zukunft schauen. „Es ist erstaunlich, wie wenig junge Leute wissen“, sagt Möller-Nengelken.
Denn in den Studiengängen steckt Bewegung. Wo früher Fächer wie Chemie oder Biologie noch eine Vorstellung von ihren Inhalten vermittelten, geben heute Bezeichnungen wie Biotechnologie, Catering-Tourismus und Chemie-Ingenieur Rätsel auf. „Die Studiengänge werden immer branchenspezifischer. Da ist es meine Aufgabe, Licht ins Dunkel zu bringen“, sagt Möller-Nengelken. Jörres bezeichnet die Arbeit als „Puzzel: Aus möglichst vielen Informationen setzt sich schließlich die Berufsplanung zusammen“. Studienberater sind Fingerspitzenkünstler. Wenn Schulabgänger ohne jegliche Vorstellung kommen, setzen sie aus Mosaiksteinchen wie Neigungen, Fähigkeiten, Wünschen ein Bild zusammen.
„Wir können niemandem die Entscheidung abnehmen, aber wir können die Augen für Möglichkeiten öffnen“, erklärt Möller-Nengelken. Nicht alles, was ein „Design“ oder „Kommunikation“ im Titel trägt, ist ein Garant für Kreativität. „Catering-Tourismus ist derzeit sehr beliebt. Aber viele erschrecken, wenn sie erfahren, dass da der Mathe- und Mechnikanteil sehr hoch ist“, berichtet Jörres. Wer Bescheid weiß, mindert das Risiko, sein Studium abzubrechen. „Aber so ein Knick im Lebenslauf ist kein Weltuntergang“, meint Möller-Nengelken. Es komme nur darauf an, aus der Fehlentscheidung zu lernen. Sie will Studienabbrechern die Angst nehmen, auf Misserfolg gepolt zu sein: „Diese Lebenserfahrung ist eine Schlüsselqualifikation. Jeder darf sich mal irren, das sehen auch Arbeitgeber so. Es gibt immer Alternativen. Gerade Versicherungen nehmen gerne Studienabbrecher: Die Leute können sich ausdrücken, gute Bewerbungen schreiben und haben sich durch ihr Studium mit Bildung befasst.“
Jörres rät den Studierenden Entscheidungen über Beruf und Studium mit Selbstbewusstsein zu treffen.
- /PETRA DIEDERICHS
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Mönchengladbach
Ausgabe: Nr.158
Datum: Mittwoch, den 09. Juli 2008
Seite: Nr.13