Die ungeschminkte Hochschule

Autor: Magna cum MG 

Schnuppern am Studium: In dieser Woche können Schüler an der Hochschule Niederrhein in die Vorlesungen kommen, um die Realität in den Hörsälen kennen zu lernen. Die Forscher haben herausgefunden: Mehr als die Hälfte von ihnen entscheidet sich für ein Studium.

Was tragen denn die Großmütter von morgen? fragte die Dozentin ihre Studenten. „Na? Doch nicht mehr den blauen Faltenrock. Nein: Jeans und Schuhe von Prada.“ Mascha Pyzalla staunte. Für die 19-Jährige war das eine ganz neue Info. Das war doch schon mal was, der Schnuppertag an der Fachhochschule Niederrhein brachte für die Auszubildende zur bekleidungstechnischen Assistentin ein erstes Ergebnis.

Nicht nur dafür war Mascha Pyzalla gestern Morgen gegen halb neun in Schwerte in den Zug gestiegen und nach Gladbach gefahren. Die junge Frau will nach der Ausbildung studieren, will Designerin werden. Ein Lehrer empfahl ihr, doch mal in Mönchengladbach vorbeizuschauen. Nur wie läuft das an einer Hochschule eigentlich so ab? Was kann man denn genau studieren? „Ich weiß aus Erzählungen, naja, nicht viel. Praktisch gar nichts“, sagt sie. Für solche Kandidaten ist das einwöchige Schnupperstudium, das die Hochschule Niederrhein (HN) derzeit anbietet, genau das Richtige.

In dieser Woche können Schüler und andere Studieninteressierte sich an der HN in Mönchengladbach und Krefeld in Ruhe umschauen. Sie können in normale Vorlesungen mit anderen Studenten. Die Studenkandidaten lernen also die Realität kennen, nicht eine Werbeveranstaltung wie einen Tag der Offenen Tür, an dem es im Chemieraum Bumm macht. „Das ist das Besondere“, sagt Rudolf Haupt, Sprecher der HN. „Hochschulweit ist das in der Region ansonsten unüblich.“ Dafür kommen die potenziellen Studenten von weither angereist: Mascha Pyzalla aus Schwerte, Elsa Legros (17) aus Freiburg. Dass ein solches Schnupperstudium für Schüler ziemlich hilfreich sein kann, zeigte eine Evalution, die die Hochschule vor zwei Jahren durchführte. Für zwei Drittel der Teilnehmer am Schnupperstudium war es die erste Informationsveranstaltung dieser Art. Und für die Hälfte war klar: Ihr Interesse für ein Studium ist zumindest geweckt, wenn nicht sogar verstärkt worden.

Professor Karin Stark, die Dozentin der Vorlesung „Entwurfsanalyse Damenbekleidung“, wusste nicht nur über Großmütter von morgen Bescheid. Sie berichtete auch aus dem Designer-Alltag: „Wenn Sie fertig sind, dann leben Sie wie moderne Nomaden: Paris, Mailand, China, Türkei“, dozierte Karin Stark. Und: „In unserem Fachbereich studieren fast nur Frauen.“

Aber nur fast: Zwei junge Männer verirrten sich in die Damenbekleidungsvorlesung in die letzte Reihe. Einer rief: „Können Sie etwas lauter sprechen?“ Die Professorin entgegnete: „Ich denke nicht daran. Seien Sie leiser.“ Das ist ungeschminkte Hochschul-Realität.

Quelle: Rheinische Post vom 7. Oktober 2008, ANDREAS GRUHN